„Die Welt wächst zusammen“

Felix Gu, Vice President Sales Asia/Pacific bei BENTELER Automotive, über die Kunst des erfolgreichen Wiederanlaufs unserer Werke in China, die größten Herausforderungen und die guten Seiten der Krise.

China hat die vorübergehende Schließung der Werke hinter sich. Was war aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung für die Unternehmen in China während des Wiederhochlaufs?

Die Corona-Pandemie betraf jeden von uns, darum hatten wir alle auch ähnliche Herausforderungen zu meistern. Manche, wie die Maskenpflicht, waren einfacher zu lösen als andere. Durch die Reisebeschränkungen etwa konnten mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Werke ihre Schicht nicht antreten. 
Aus geschäftlicher Sicht galt unsere Aufmerksamkeit unseren Kunden – wann möchten sie wieder produzieren? Wie können wir sie bestmöglich unterstützen? Davon abgeleitet ergaben sich für uns die Herausforderungen: Wie stellen wir unseren Hochlauf für sie sicher? Wie gehen wir mit Ressourcenknappheit um?

 

Gute Fragen. Wie macht man das?

Die erste Sorge galt den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und ihrer Gesundheit. Denn – das betrifft speziell den produzierenden Bereich – gibt es auch nur einen einzigen Corona-Fall in einem Werk, muss die gesamte Produktionslinie geschlossen werden. Darum legen wir alle, Automobilhersteller und Zulieferer, größten Wert auf Schutzmaßnahmen und deren Einhaltung.

Die zweite Herausforderung, vor allem für unsere Kunden, bestand darin, alle Komponenten und alle Materialien geliefert zu bekommen – und zwar rechtzeitig. Hier konnte BENTELER seine internationale Größe ausspielen. Als es am Anfang der Pandemie in China zu Engpässen kam – in Wuhan wurde die Produktion komplett gestoppt –, konnten wir beispielsweise für einen unserer Kunden auf unsere Kapazitäten in Europa zurückgreifen. Jetzt ist es umgekehrt und unsere chinesischen Werke können aushelfen, wenn es andernorts Lieferschwierigkeiten gibt.

 

Was ist Ihrer Erfahrung nach das Wichtigste, um den Wiederhochlauf gut zu meistern?

In dieser Situation sind eine sehr gute Vorbereitung und Planung das A und O. Das ist nicht nur für das eigene Unternehmen und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wichtig. Nur mit einer sehr guten Vorbereitung, die man transparent kommuniziert, kann man auch den Kunden Sicherheit geben, sie verlässlich beliefern zu können – wann immer sie mit der Produktion wieder starten möchten. Sie sehen von außen ja nur geschlossene Werke. Zu einer umfassenden Vorbereitung gehört für mich auch eine Analyse – welcher unserer Kunden wird uns wann wie stark benötigen? Welche Risiken gibt es? Diese Liste aktualisieren wir täglich – und stimmen uns dort weltweit im Konzern ab. Unsere Kunden profitieren von unserer Größe und der Lieferflexibilität durch das globale Produktionsetzwerk.

 

Bereits seit Mitte März laufen alle 15 BENTELER-Werke in China, Ende April lag die Produktionskapazität schon wieder bei mehr als durchschnittlich 80%. Das klingt nach Rückkehr zur Normalität. Ist das Leben auch sonst wieder „normal“ in China?

Die Lage normalisiert sich langsam. Lange Zeit musste man bei uns Masken tragen, sobald man öffentlichen Raum betrat – im Freien, in den öffentlichen Verkehrsmitteln, sogar im eigenen Auto. Mittlerweile ist die Maskenpflicht in der Öffentlichkeit aufgehoben; es reicht, dass man den Sicherheitsabstand von 1,5 Metern einhält. Dann darf man eigentlich wieder alles machen.

 

Das ist gut zu hören. In Europa sind wir zwar auf dem Weg zur Normalität, aber es wird noch dauern…

Was wir aus den Medien entnehmen, scheint Deutschland die Krise gut zu meistern. In manchen Punkten so gut, dass wir davon lernen. Durch die globale Krise wächst die Welt zusammen, nicht nur im Großen, auch im Kleinen. Früher haben wir beispielsweise unsere Kunden einmal im Monat besucht und mit ihnen über Produkte und Preise gesprochen. Jetzt telefonieren wir viel öfter und reden auch über aktuelle Herausforderungen und sogar Hobbies. Wir nehmen Anteil am Leben des anderen. Durch die Krise ist die Kommunikation viel offener und unsere Beziehung viel enger geworden. Auch schwierige Zeiten haben zum Glück gute Seiten. In der Krise wächst man noch enger zusammen.

BENTELER ist seit 2002 in China vertreten und betreibt derzeit 15 Produktionsstätten mit rund 2.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Als die chinesische Regierung am 20. Januar offiziell über das Coronavirus informierte, befanden sich viele der chinesischen Kolleginnen und Kollegen auf der Heimreise zu den Feierlichkeiten des chinesischen Neujahrs. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Standorts in Wuhan hätten nie damit gerechnet, daß sie erst 55 Tage später wieder in ihr Werk zurückkehren würden. Am 23. Januar wurde Wuhan, eine Stadt mit 11 Millionen Einwohnern, abgeriegelt. Bereits zu diesem Zeitpunkt bereitete BENTELER alles vor, um die Werke möglichst rasch wieder anlaufen zu lassen – so wurden etwa 166.000 Masken sowie Desinfektionsmittel bestellt. Bereits ab dem 10. Februar begann schrittweise die Produktion, Mitte März hatten bereits alle fünfzehn Werke in China die Produktion wieder hochgefahren, auch der Standort in Wuhan. Im April lag die durchschnittliche Produktionskapazität bereits wieder auf über 80%. Staatliche Vorschriften und eigene Maßnahmen zum Schutz der Gesundheit werden weiterhin strikt eingehalten: Bis heute ist kein Mitglied des chinesischen Teams am Coronavirus erkrankt.