Blick in die USA: Von Einbahn-Systemen und wie Corona den Teamgeist beflügeln kann

Guido Paffhausen, Leiter des BENTELER Automotive-Werkes in Kalamazoo, Michigan, über den Umgang der USA mit der Corona-Pandemie, Einbahn-Systeme im Werk und über Auswirkungen der Pandemie auf die Automobilindustrie.

Als Werksleiter sind Sie ganz nah am Geschehen, auch bei der vorübergehenden Werksschließung – gab es einen Zeitpunkt, wo man das Licht abgedreht und die Türe zugesperrt hat?

Ganz so dramatisch ist es nicht. Man lässt am Ende der Schicht alles runterfahren und hat dann die Aufgabe, Anlagen zu betreuen, die über die nächsten Wochen Instandhaltungsmaßnahmen benötigen. Das sind Prozesse, die wir gewohnt sind und die nicht neu für uns sind – das machen wir auch während unserer üblichen Schließung im Sommer. Diese wird natürlich etwas länger im Voraus geplant.

 

Dadurch, dass Sie in den USA sind, wo die Pandemie etwas später aufschlug, konnten Sie beobachten, wie andere Länder und Werke damit umgehen. Wussten Sie also schon, was Sie erwartet?

Ja, das war ein großer Vorteil. Wir hier in den USA konnten mitverfolgen, was in anderen Ländern funktioniert hat und haben das Wissen übernommen. Wir sind zum Beispiel auch auf Home-Office umgestiegen – was für Büromitarbeiterinnen und -mitarbeiter im Werk sehr, sehr ungewöhnlich ist. Es hat sich aber gezeigt, dass erstaunlich viel von zuhause aus machbar ist. Wenn alles vorbei ist, werden wir evaluieren, was sich bewährt hat.

 

Wie zufrieden sind Sie mit den Maßnahmen der amerikanischen Regierung im Zusammenhang mit dem Coronavirus?

In Michigan hört die regionale Regierung auf Experten aus dem medizinischen Bereich und setzt deren Empfehlungen gut und konsequent um. Unsere COVID-19-Maßnahmen sind ähnlich wie jene in China oder Europa.

 

Wenn Fakten nicht gesichert scheinen, regieren oft Gefühle. Wie würden Sie die Stimmungslage im Autocluster rund um Detroit, in Michigan einschätzen?

Die einen halten sämtliche Bestimmungen der regionalen Regierung zur Pandemiebekämpfung für überzogen, die anderen trauen sich auch unter schärfsten Schutzmaßnahmen nicht auf die Straße. Die regionalen Behörden haben kürzlich die Ausgangsbeschränkungen verlängert. Wir sind vorbereitet, um die Produktion wieder rasch anlaufen zu lassen, sobald die regionalen Vorgaben gelockert werden. Und haben umfassende Maßnahmen getroffen, um die Sicherheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewährleisten – von Fiebermessgeräten über Masken und Desinfektionsmittel bis hin zu den Fußwegen im Werk, die wir zu einem Einbahn-System umgebaut haben, um Gegenverkehr zu vermeiden. Und das ist bei weitem nicht alles.

 

Wie sieht Ihr Fahrplan für die nächsten Wochen aus?

Wir hier in Michigan können mittlerweile wieder im kleinen Rahmen produzieren und werden schrittweise die Kapazität steigern. In anderen US-Bundesstaaten ist man schon früher wieder angefahren. Die drei großen Automobilhersteller in den USA lassen die Produktion diese Woche wieder anlaufen. Für uns ist die Lage nicht ganz leicht, weil wir auch außerhalb von Michigan Kunden haben und damit komplett unterschiedliche Zeitschienen. Eine gute, aber flexible Planung ist für uns daher das A und O.

 

In Mexiko steht noch alles still, nach aktuellem Stand noch bis Ende Mai. Wie sehr beeinflusst das Ihre Planung?

Unser Werk ist davon nicht direkt betroffen, indirekt aber schon: Denn manche unserer Kunden sind auf die Zulieferungen aus Mexiko angewiesen. Das schlägt sich auch auf unsere Planung nieder. Solange in Mexiko die Produktion vorübergehend gestoppt bleibt, wird die Produktion in den USA noch nicht auf volle Kapazität gehen können. Ein Aspekt, den wir bei der Planung unseres Hochlaufs miteinbeziehen.

 

Wird die Pandemie die Automobilbranche nachhaltig verändern?

Das Coronavirus wird die Automobilindustrie – aber auch andere Branchen – in den nächsten Jahren mächtig durcheinanderwirbeln. Lokale Fertigung und Back-Up-Strategien im Bereich der Logistik werden für alle noch wichtiger werden. Für BENTELER ist das eine Chance – wir setzen schon jetzt auf unseren Local-for-Local-Approach. Das heißt, wir beziehen unsere Rohstoffe, Waren und Dienstleistungen überwiegend aus der Region, in der wir produzieren. Zudem können wir durch unsere internationale Größe oftmals unser eigenes Back-Up sein - indem wir uns selbst aus anderen Regionen oder Ländern zuliefern.

 

Das klingt nach einer Chance in herausfordernden Zeiten.        

Ja. Die Corona-Pandemie hat, bei allen Herausforderungen, auch Gutes hervorgebracht. Wir haben einen enormen Schub bei der Digitalisierung bekommen. Durch das Home-Office speichern wir nun noch mehr papierlos im System – und sind damit schneller als vorher. Auch zwischenmenschlich hat sich einiges getan. Es gibt viel mehr Verständnis seitens der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wie herausfordernd Unternehmertum sein kann; wir ziehen an einem Strang. Dieser Teamspirit beflügelt uns alle.