„Die E-Mobilität ist gut unterwegs“

Marco Kollmeier, Vice President der Business Unit Electro-Mobility bei BENTELER Automotive, über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Elektromobilität, strategische Partnerschaften und wofür seine Abteilung die Zeit im Home Office genutzt hat.

Während der Corona-Pandemie standen viele unserer Werke vorübergehend still. Wie war das bei Ihnen in der Business Unit Electro-Mobility?

Wir als Entwicklungsabteilung waren sozusagen antizyklisch unterwegs. Trotz der Corona-Pandemie haben wir unsere Kooperation mit dem chinesischen Automobilhersteller Evergrande vertieft: wir erhielten den Auftrag zur Entwicklung von Vorder- und Hinterachsmodulen für Elektrofahrzeuge der Mittelklasse. Auch aus den USA kommen zahlreiche Anfragen. Wir sind also aktuell sehr beschäftigt.

Wie sieht denn die Arbeit eines Entwicklers aus – ist das im Home Office machbar?

Es geht unheimlich viel von zuhause aus. Auch wenn punktuell manchmal ein physisches Beisammensein, eine klassische Teamsitzung, effizienter ist. Technische Hürden haben im Home Office die Kolleginnen und Kollegen aus den Bereichen CAD und CAE, also Konstruktion und Simulation, die mit einer hohen Rechnerleistung arbeiten müssen. Das überfordert manchmal die W-LAN-Netze und die Zugänge, sodass diese Kolleginnen und Kollegen für die eine oder andere Aufgabe mal kurzfristig ins Büro müssen. Grundsätzlich funktioniert die Arbeit vom Home Office aus aber sehr gut für uns.

War für Sie der Umstieg aufs Home Office schwer?

Da wir vor allem an globalen Projekten arbeiten, etwa mit Kolleginnen und Kollegen sowie Kunden in China oder Amerika, sind wir in der nicht-physischen Zusammenarbeit bereits gut geschult. Auch unsere Partner sitzen ja nicht alle in Paderborn. In den vergangenen drei Jahren haben wir uns stark in der digitalen Kommunikation entwickelt. Das hilft uns jetzt.

Wie wird Corona Ihre Business Unit beeinflussen? Wird E-Mobilität einen Schub erhalten oder werden die traditionellen Fahrzeughersteller doch lieber auf Altbewährtes, also Verbrennungsmotoren, zurückgreifen?

E-Mobilität wird einen Schub erhalten. Das sehen wir in der öffentlichen Diskussion um Förderungen, wo verlangt wird, diese an neue, CO2-sparende Technologien zu binden. In China wurden die Subventionen für Elektroautos weiter verlängert, bis 2022. Ursprünglich sollten sie dieses Jahr auslaufen. Und einige große Hersteller fahren aktuell als erstes die Elektrofahrzeugproduktion wieder hoch. Auch das ist ein Zeichen.

Im Bereich E-Mobilität setzt BENTELER ja auch stark auf strategische Partnerschaften. Wie geht es unseren Partnern während der Pandemie?

Wir haben auch in dieser herausfordernden Zeit einen sehr guten Kontakt zu unseren Partnern, sei es Bosch, Pininfarina oder Vibracoustic. Sie sind den gleichen Einflüssen ausgesetzt wie wir: wir sitzen alle im selben Boot. Wir haben die Zeit gemeinsam genutzt, um uns für die Zeit nach Corona strategisch auszurichten. Das Schöne ist ja, dass wir uns gegenseitig in unseren Kompetenzen ergänzen und gemeinsam die Elektromobilität vorantreiben. Wenn ein Partner Kundenkontakt hat, dann holt er den anderen mit dazu. Das ist für alle Beteiligten eine Win-Win-Situation. Die Partner arbeiten mit jemandem zusammen, der die Schnittstellen kennt und mit dem die Chemie stimmt. Und der Kunde profitiert, weil er aus dieser Kooperation das bessere Produkt bekommt. 

Sollen die strategischen Partnerschaften noch erweitert werden?

Auch dafür haben wir die Zeit genutzt – wir sind beispielsweise gerade im Gespräch mit einem Batteriehersteller. Wir haben ein klares Bild, wie wir dieses Ökosystem an Partnerschaften füllen möchten. Die Idee ist, dass wir irgendwann alle Gewerke integrieren, die notwendig sind, um ein Fahrzeug zu bauen.

Braucht es dann noch die klassischen Fahrzeughersteller?

Ja, sicher. Auch sie sind unsere Kunden. Mittlerweile ist das Kundenfeld sehr heterogen. Neben den klassischen Fahrzeugherstellern gibt es die neuen Automobilhersteller mit schillernden Namen oder schillernder Herkunft. Manche von ihnen sind mittlerweile etabliert, Tesla etwa. Mit zahlreichen dieser Neustarter arbeiten wir zusammen. Und dann gibt es globale Player, die gar nicht aus dem Automotive-Bereich kommen. Ihre Motivation ist, Mobilität in einer gänzlich neuen Form abzubilden. Das Fahrzeug steht nicht mehr im Vordergrund, sondern die Art zu reisen. Bei unserem Kooperationspartner Sony beispielsweise geht es um die Unterhaltungstechnologie. Ich durfte so ein Auto einmal probefahren – das ist schon etwas ganz anderes. So ein Wohnzimmer hätte ich gerne... [lacht].

Unser Kunde Evergrande wiederum kommt ursprünglich aus der Baubranche: der Konzern ist die größte Immobilienfirma Chinas. Für diese Kundschaft bieten wir das gesamte Ökosystem an. Denn anders als den traditionellen Autobauern fehlt diesen Anbietern das detaillierte technische Know-how noch. Das erledigen wir. Sie profitieren also von unserer Ingenieurskompetenz und Expertise im Bereich Metallumformung und -verarbeitung. Und von unserem umfassendem Fahrzeug-Know-how entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von der Entwicklung über die Produktion bis hin zur Montage.

Das heißt, Sie sehen trotz Corona positiv in die Zukunft?

Natürlich prüfen wir die Situation laufend. Und wir stellen fest: die E-Mobilität ist gut unterwegs. China ist auf dem Weg der Besserung. Erstmals seit Monaten gibt es wieder ein Verkaufswachstum in China. Dieser positive Trend deckt sich mit dem, was wir von unseren Kolleginnen und Kollegen aus China hören, wo ja alle unsere Werke wieder gut laufen: Es geht aufwärts.