„Herausfordernde Zeiten schmieden uns zusammen“

Heike Weishaupt, Vice President HR bei BENTELER Automotive, über Führung in Zeiten von Corona, Arbeiten im Home-Office und den Teamgeist in einem Familienunternehmen der vierten Generation.

Das wichtigste Kapital unseres Unternehmens sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Wie wirken sich herausfordernde Zeiten, in denen wir uns aktuell befinden, auf die Unternehmenskultur bei BENTELER aus?

BENTELER ist ein Familienunternehmen in der vierten Generation. In unserer über 140-jährigen Unternehmensgeschichte haben wir schon einige Herausforderungen erfolgreich gemeistert. Dabei orientieren wir uns an unseren Unternehmenswerten. Was wir uns trotz Veränderungen immer bewahrt haben, ist die Leidenschaft, mit der wir uns unseren Aufgaben widmen. Der Mut, Neues zu wagen. Die Ambition, so lange zu tüfteln, bis wir die richtige Lösung gefunden haben. Und der Respekt, auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten – miteinander genauso wie mit unseren Kunden und Partnern.

Erfordert Führung in Zeiten von Corona auch einen anderen Führungs- und Motivationsstil?

Führung in herausfordernden Zeiten erfordert noch mehr Verlässlichkeit, Vertrauen und Transparenz. Beim Punkt Transparenz ist entscheidend, dass man alles sagt, was man sagen kann. Dass man für den Mitarbeiter relevante Informationen weitergibt, damit jeder einschätzen kann, wo er persönlich steht – aber auch wo wir als Firma stehen. Es ist wichtig, dass Führungskräfte auf die Themen eingehen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen, Anteil nehmen, zuhören. Es ist ebenso wichtig, Erfolge zu teilen, um zu zeigen: Euer Engagement lohnt sich.

Die Kommunikation der Führungskräfte ist aktuell noch wichtiger als sonst. Das Management muss für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch greifbarer sein und Orientierung geben. Motivation kommt in erster Linie aus einem inneren Antrieb heraus. Beteiligung und Offenheit tragen dazu bei, Menschen zu „bewegen“. Wichtig ist es zum Beispiel, die Teamtreffen zu pflegen. Wir vom HR-Team treffen uns jeden Tag um die Mittagszeit auf einen gemeinsamen Kaffee – per Telefon. Ein anderes Beispiel aus unserem Standort in Burgos, Spanien: Als wir das Werk dort wieder in Betrieb genommen haben, war am ersten Arbeitstag um sechs Uhr morgens das gesamte Führungsteam vor Ort, um die Werksmitarbeiter persönlich zu begrüßen – und sie mit unseren Corona-Sicherheitsmaßnahmen vertraut zu machen.

Die Corona-Pandemie hat den Arbeitsalltag der meisten von uns verändert. Arbeiten vom Home-Office aus war dabei eine unserer Sicherheits-Maßnahmen. Welche Erfahrungen haben Sie persönlich in den vergangenen zwei Monaten gemacht?

Ich habe meine Funktion als Vice President HR bei BENTELER Automotive am 17. März 2020 übernommen – zuvor habe ich viele Jahre in der damaligen Division Distribution gearbeitet und dort das gesamte Personalwesen verantwortet, zuletzt als Geschäftsführerin. Somit hatte ich erst vier Tage in meiner neuen Rolle bei BENTELER Automotive gearbeitet, als alles anders, alles virtuell wurde. Wenn man neu ist und die Menschen noch nicht kennt, ist der direkte Kontakt besonders wichtig – in Telefonkonferenzen sehen wir aber weder Mimik noch Gestik für ein direktes Feedback und die eigene Orientierung.

Das Arbeiten von Zuhause aus ist teilweise wesentlich intensiver und fokussierter als im Büro. Pausen teilen wir uns selbstständig ein. Im Büro müsste ich zwischen den Terminen Wegzeiten – und sei es nur von einem Büro zum anderen, von einem Gebäude zum nächsten – einplanen. Im Homeoffice geht es Schlag auf Schlag. Auch für die kleinen Auszeiten in der Kaffeeküche, den schnellen Austausch auf dem Flur, wo man auf neue Ideen kommt, gilt es jetzt, kreative Alternativen zu finden.

Vor welchen Herausforderungen stehen Führungskräfte, wenn ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nun wegen des Arbeitens von zuhause nicht mehr physisch greifbar sind?

Wer bislang noch nie ein virtuelles Team geführt hatte, das nicht an einem Ort arbeitet, tut sich im ersten Moment vielleicht etwas schwerer. Jeder Kontakt muss aktiv gestaltet werden. Denn man trifft niemanden zufällig und spürt nicht unmittelbar, wie es den Kolleginnen und Kollegen geht. Man muss also besonders gut hinhören und nachfragen, um sich ein realistisches Bild machen zu können. Darum ist es wichtig, zwischendurch auch mal anzurufen, ohne sachlichen oder betrieblichen Grund. So hält man die Bindung aufrecht. Dazu kommt bei manchen Führungskräften vielleicht auch die Angst vor Kontrollverlust – diese ist meiner Meinung nach aber unbegründet: Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die im Büro zuverlässig sind, sind es zu Hause auch. Umgekehrt gilt das natürlich ebenso. Es geht um die Arbeitseinstellung, um die Haltung. Beides ist nicht vom Arbeitsort abhängig.

Nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen: Werden Sie beibehalten, dass mehr Zeit im Home-Office verbracht werden kann?

Ein Büro ist ein Raum, in dem man sich trifft, um sich auszutauschen. Das ist grundsätzlich sinnvoll. Telefonate, Videokonferenzen, auch inhaltliche Arbeit können hingegen von zu Hause aus effizient erledigt werden. Es kommt auf die Aufgaben, das Team und die richtige Mischung an. Ich persönlich halte es für sinnvoll, dass es bestimmte Tage gibt, an denen man sich zu festgelegten Zeiten auch physisch sieht. Während der Kurzarbeit, haben wir unsere Erreichbarkeit für alle Bereiche, so gut es geht, auf definierte Tage in der Woche gelegt. Die anderen Tage waren für Meetings dann z. B. tabu. Das funktionierte gut.

Auch Dienstreisen waren in den vergangenen Wochen nicht möglich. Wird das Nachwirkungen haben?

Ich habe bis vor kurzem in Düsseldorf gelebt. Während das öffentliche Leben aufgrund von Corona heruntergefahren wurde, habe ich erstmals bemerkt, dass es auch dort richtig gute Luft geben kann. Das gab mir zu denken. Wie viele Dienstreisen sind wirklich notwendig? Sie kosten Zeit, Nerven, Geld, sind anstrengend und belasten die Umwelt. Wenn eine Beziehung etabliert ist, kann vieles vom Heimatstandort aus geregelt werden. Man muss nicht immer unbedingt vor Ort sein. Genau das haben wir in den vergangenen Wochen gesehen. Ich bin nach wie vor beeindruckt, wie schnell wir als globales Unternehmen mit allen Interessenvertretern auf die Veränderungen reagiert, voneinander gelernt und weltweit an einem Strang gezogen haben – in vielen Fällen, ohne uns persönlich zu kennen oder physisch zusammenarbeiten zu können. Da war echter Teamgeist spürbar.

Apropos Teamgeist – gibt es bei Zusammenhalt und Werten einen Unterschied zwischen lang etablierten Unternehmen wie BENTELER und jungen Start-Ups?

Ich glaube ja. Ein Unternehmen mit einer langen Geschichte wie BENTELER hat schon viel erlebt: die Weltkriege, das Wirtschaftswunder, die Öl- und spätere Finanzkrise… All das hat das Unternehmen bewältigt. Auf dieser Erfahrung aufzubauen heißt auch, sich auf seine Stärken besinnen. Und es macht Mut, gibt Zuversicht. Es gibt Kolleginnen und Kollegen, die schon lange im Unternehmen arbeiten und schon viele Herausforderungen gemeinsam gemeistert haben. Das erhöht das Vertrauen ins Team und in die Führung – anders als bei einem jungen Start-Up.

Sie sind auch Leiterin der Corona-Taskforce bei BENTELER, die sich mit den vorübergehenden Werksschließungen und Wiederanlauf-Maßnahmen im HR- und SHE-Bereich beschäftigt. Was ist Ihrer Meinung nach nun besonders wichtig?

Die lokalen Teams arbeiten aktuell intensiv am weltweiten Wiederanlauf unserer Werke. In vielen Ländern haben die Regierungen nun die Corona-Sicherheitsmaßnahmen gelockert. Die Lockerungen sind aber noch nicht die Rückkehr zum Normalzustand. Deswegen bin ich gerade jetzt ein Fan von der Möglichkeit, weiterhin zuhause zu arbeiten, wo es möglich ist. Viele Arbeitsplätze im Unternehmen sind nicht darauf ausgelegt, den Mindestabstand von eineinhalb, besser zwei Metern einzuhalten. Die Menschen sind die neuen Umgangsformen im Büro nicht gewohnt. Wir schützen diejenigen, die vor Ort sein müssen, indem wir selbst möglichst lange möglichst viel im Home-Office bleiben und kontrolliert den Betrieb wieder aufnehmen – auch wenn einem die Kolleginnen und Kollegen fehlen. Wichtig ist daher, dass wir weiterhin alle aufeinander achten.