Über E-Mobility, Robo-Taxis und Wasserstoff als Energieträger

Hubertus Prinzler, Vice President Global Research & Development bei BENTELER Automotive, über die Zukunft der Mobilität, flexible Baukastensysteme und grünen Strom.

Nach der Corona-Pandemie normalisiert sich unser Leben nun langsam wieder. Gilt das auch für die Mobilität – oder hat Corona hier Spuren hinterlassen?

Corona verändert die Mobilität, wenngleich das regional sehr unterschiedlich geschehen wird. Wir sehen, dass etwa in China in Folge der Pandemie der Individualverkehr zunimmt, während öffentliche Verkehrsmittel weniger genutzt werden. Die Menschen fühlen sich im eigenen Auto sicherer als in Ansammlungen.

Für Europa erwarten wir, dass durch Corona der Trend zum eigenen Auto und, wer es sich leisten kann, Zweit-Auto bleibt – bei einem zugleich größeren Kostenbewusstsein. Es wird vielen nicht mehr so wichtig sein, ob das Auto besonders schick ist. Bis das spürbar wird, wird es aber dauern: Durch das bedachtere Konsumverhalten in Europa kommen solche Entwicklungen verzögert an.

Aktuell wird besonders die E-Mobilität gefördert. In Deutschland ist im Rahmen des Konjunkturpakets die Kaufprämie für Elektroautos aufgestockt worden. Ähnliches gibt es beispielsweise auch in China. Erfährt die E-Mobilität gerade einen Schub?

Sie wird vorangetrieben. Durch das Herunterfahren des öffentlichen Lebens und des Verkehrs während der Pandemie haben manche Menschen erstmals erlebt, wie sich die Umwelt erholt: wie strahlend blau der Himmel sein kann und wie viele Sterne es nachts am Himmel gibt. In Indien sahen Menschen den Himalaya, von dem sie bisher gar nicht wussten, wie nahe er ihnen eigentlich ist. Die Luftverschmutzung war während dieser Zeit wesentlich geringer – das möchten wir bewahren. Die E-Mobilität bietet die Möglichkeit dazu.

Gegner argumentieren, die Batterieherstellung sei nicht umweltfreundlich.

Gerade bei den Batterien, die tatsächlich der Schlüssel zur Umweltfreundlichkeit sind, geschehen derzeit viele Innovationen. Wenn bei Rohstoffeinsatz, Reichweite und Lebensdauer der nächste Meilenstein geschafft ist – wovon ich in den kommenden Monaten ausgehe –, hat die E-Mobilität einen gewaltigen Schritt getan. 

In Europa gibt es, wie besprochen, Förderungen für E-Mobilität. Ist sie auch in anderen Weltgegenden leistbar?

Wir werden sicher nicht überall die High-End-Elektroautos sehen, wie sie bei uns unterwegs sind. Aber das ist auch nicht notwendig. Verschiedene Länder und Kulturen gehen mit Mobilität unterschiedlich um. Wer vor zehn Jahren in China war, hat vorwiegend Mopeds auf den Straßen gesehen, die ziemliche Luftverpester waren. Innerhalb von zwei, drei Jahren waren diese Millionen von Zweitaktern verschwunden und wurden durch E-Roller ersetzt. Jene entsprechen vielleicht nicht dem Qualitätsverständnis, das wir in Deutschland haben, aber sie sind in China eine sehr gute Alternative zu den Verbrennungsrollern. Ähnliches ist in Indien zu sehen: Viele Tuk-Tuks haben mittlerweile Elektromotoren – zwar mit einer Bleibatterie, aber es ist ein erster Schritt.

Was bedeutet die Pandemie für die anderen bisherigen Megatrends der Mobilität, etwa Shared-Mobility?

Autoverleiher und Anbieter von Shared-Diensten haben bereits Probleme, und das nicht nur wegen der geringeren Menge an Dienstreisen. In den Städten werden zwar Shared-Fahrräder oder -Roller nach wie vor gut angenommen. Sich aber in den engen Raum eines Autos zu begeben, wo man nicht weiß, wer vorher drinnen war – da gibt es nun Vorbehalte.

Wenn Shared-Modelle derzeit nicht angenommen werden, was heißt dies für die Entwicklung von Robo-Taxis?

Die Pandemie wird kurzfristig die Innovation im Bereich des autonomen Fahrens und der Konnektivität bremsen – und das gleich doppelt. Erstens besteht derzeit auf Kundenseite eher der Wunsch nach einem eigenen Auto als nach einem Robo-Taxi, wo diese Technologien Sinn machen würden. Und, zweitens, fehlen vielen Unternehmen nun die finanziellen Mittel, um in diese Technologien zu investieren. Entsprechende Programme könnten daher möglicherweise reduziert werden, zumindest bei den etablierten Fahrzeugherstellern. Große Technologiekonzerne hingegen konnten durch die Pandemie die Umsätze steigern. Das hilft auch deren Aktivitäten im Mobilitätsbereich. Der Vorsprung der etablierten Hersteller zu neuen Akteuren auf dem Markt schmilzt, es wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Welche anderen Innovationsfelder gewinnen jetzt an Wichtigkeit?

Im Bereich Klimaschutz hat sich eine spannende Diskussion im Bereich „Power-to-Fuel“ und „Power-to-Gas“ entwickelt. Dabei geht es um mit grünem Strom synthetisch hergestellte Kraftstoffe, die CO2-neutral sind und weniger Schadstoffe ausstoßen. Ein weiterer Vorteil ist, dass sie die bisherige Infrastruktur – also Tankstellen – mitnutzen könnten.

Ein weiterer wichtiger Baustein im Klimaschutz ist die direkte Nutzung von Wasserstoff als Energieträger. Zum einen kann er in Brennstoffzellen zu Einsatz kommen, um damit im Schwerverkehr die Dekarbonisierung – also die Reduzierung des CO2-Ausstoßes – voranzubringen. Zum anderen kann er auch direkt als Energieträger in Verbrennungskraftmaschinen eingesetzt werden. Die aktuell von der deutschen Bundesregierung beschlossene nationale Wasserstoffstrategie (NWS) ist ein erster und richtiger Schritt für einen Markthochlauf von Antrieben, die auf grünem Wasserstoff basieren.

Die Innovationen im Bereich automobile Plattformen, Modul-Lösungen und bei Kostenpotenzialen müssen noch stärker werden. Nicht ganz ohne Stolz kann ich sagen, dass wir bei BENTELER hier durch die in den vergangenen Jahren angestoßenen Programme gut aufgestellt sind. Mit unserem Rolling Chassis beispielsweise, das wir in Kooperation mit Bosch und Pininfarina entwickeln, bieten wir eine modulare Plattform-Lösung für Elektrofahrzeuge. Zusammen mit unseren Partnern decken wir den vollständigen Entwicklungsprozess eines Elektrofahrzeugs bis zum Produktionsstart ab. Damit sparen die Hersteller von Elektroautos eigene Ressourcen und Zeit ein.

Zusammenfassend, was heißt all das nun für BENTELER?

BENTELER ist richtig aufgestellt und wir arbeiten an den richtigen Themen – etwa mit unserer Business Unit E-Mobility, die sämtliche Kompetenzen in diesem Bereich bündelt. Zugleich sind 85 Prozent unserer Produkte antriebsunabhängig und werden in allen Fahrzeugen benötigt. In Europa gibt es, wie auch in anderen Regionen, klare CO2-Ziele, die zu erfüllen sind, um die Umwelt zu schützen. Darum muss stark an der Stellschraube CO2-Reduktion gearbeitet werden: wir tun das, indem wir das Thema Leichtbau vorantreiben. Wir arbeiten vermehrt nach dem Baukastenprinzip, reduzieren Schnittstellen und eröffnen so Möglichkeiten, Produkte und Module unkompliziert in mehreren Fahrzeugsystemen und -varianten zu verwenden. In enger Zusammenarbeit mit unseren Kunden nutzen wir hier Synergien und ermöglichen so auch eine Kostenersparnis.

Abseits der Mobilität, was erwarten Sie von der Zukunft?

Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung deutlich beschleunigt: innerhalb kürzester Zeit haben wir einen hohen Grad an Perfektion erlangt. Wir haben vom Home-Office aus gearbeitet und uns zum Teil monatelang nicht gesehen. Trotzdem funktioniert die Arbeit in vielen Fällen noch effizienter und teilweise mit einer besseren Work-Life-Balance als früher. Da stellt sich schon die Frage, was man davon beibehalten sollte und welche Innovationsmöglichkeiten es in diesem Bereich noch gäbe. Gerade die junge Generation fragt nicht nur nach der Karriere, die zweifellos wichtig ist. Arbeit ist ein Stück vom Leben. Wenn wir nun durch verringerte Reisetätigkeit, durch Videokonferenzen und durch das Home-Office Anfahrts- und Vorlaufzeit sparen, dann ist das Lebenszeit, die wir gewinnen. Das Informelle, Zwischenmenschliche kommt jedoch telefonisch zu kurz. Um dies wieder mehr zu pflegen, freue ich mich auch wieder auf die Arbeit im Büro und das Zusammentreffen mit den Kolleginnen und Kollegen.